Gebet im Münster zum Frauenstreik vom 14. Juni, 11.00 Uhr

Wir kommen zusammen im Namen Gottes, der Leben schenkt,
im Namen Jesu Christi, der uns in seine Nachfolge ruft,
in der Kraft des Heiligen Geistes, die uns zeigt, was heute wichtig ist. 

In unserer Gesellschaft ist vieles im Wandel. Heute können Frauen und Männer Rollen übernehmen, die ihnen noch wenige Generationen zuvor verwehrt waren. Dafür sind wir dankbar. Allerdings ist der Prozess der Veränderung noch lange nicht abgeschlossen. Gleiche Wertschätzung von Frauen und Männern ist weder in der Gesellschaft noch in den Kirchen vollumfänglich erreicht. Vieles liegt im blinden Fleck unserer Wahrnehmung.

Unsere Gesellschaft ist in einem grossen Masse von Freiwilligenarbeit abhängig. Viele Bereiche der Freiwilligenarbeit werden vornehmlich von Frauen abgedeckt und werden öffentlich nicht wahrgenommen. 

Frauen sind oft mit kleinen Pensen angestellt und dadurch nicht so abgesichert wie Kolleginnen und Kollegen mit grösseren Pensen.

Frauen haben es oft schwerer, Familie und Beruf miteinander zu koordinieren. Männer aber inzwischen auch. Männer, die ihren Schwerpunkt in der Familienarbeit haben, werden entweder besonders hofiert oder heimlich belächelt, und zwar von Frauen und Männern. Frauen, die zu Bewerbungsgesprächen eingeladen sind, werden über ihre private Situation eher befragt als Männer. Frauen, die sich in einem klassischen „Männerberuf“ etablieren wollen, müssen tendenziell mehr leisten als Männer. 

Frauen sind nicht immer solidarisch, wenn es um die Förderung von Frauen oder um das Mitwirken von Frauen in Leitungsgremien geht. Die Quote allein wird uns nicht retten.

Frauen und Männer sind unterschiedlich. Daher werden ihnen immer noch unterschiedliche Rollenbilder zugeordnet. Eine Öffnung der Rollenbilder ist willkommen. Andererseits sind auch Frauen untereinander und Männer untereinander unterschiedlich. Daher kann man nicht allen Frauen alle Rollen und allen Männern alle Rollen zumuten.

In der Bibel heisst es: „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde. Als Mann und Frau schuf er sie.“ Obwohl Gott also weder männlich noch weiblich ist, haben sich bis heute die männlichen Vorstellungen durchgesetzt. Die Gebetssprache durch weibliche Formen anzureichern, mag ein erster Schritt sein. Jedenfalls kämen wir nicht nur dem Bedürfnis nach Gleichberechtigung, sondern auch der biblischen Botschaft näher, wenn wir die männlichen Formen nicht einfach unreflektiert gebrauchen und von Generation zu Generation weitergeben.

Einer der ältesten Texte der Bibel ist das Lied der Mirjam, nachdem Gott Israel aus Ägypten befreit hatte. Da heisst es: „Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt.“ D.h. Mirjam besingt das Ende kriegerischer Gewalt. Für das Ende von Krieg und Gewalt braucht es Stimmen von Männern und Frauen.

Lasst uns beten: 

Gott des Himmels und der Erde,
Vater Jesu Christi,
Hüterin unseres Lebens,
wir bitten dich für eine Gesellschaft, die sich auch weiterhin so verwandeln kann, dass alle Menschen gleich wertgeschätzt und in ihren Tätigkeiten anerkannt werden. Hilf uns zu Einsicht, Geduld und Liebe.

Wir danken dir für die vielen Menschen, die sich ohne Bezahlung für gute Zwecke engagieren. Erhalte ihnen ihre Begeisterung.

Wir bitten dich für die Kirche und für unsere Gesellschaft, dass sie grosszügig und wertschätzend mit ihren Freiwilligen umgeht.

Wir bitten dich für die Menschen, die ihren Lebensschwerpunkt zu Hause bei ihrer Familie haben und zusätzlich auf kleinem Pensum angestellt sind. Lass ihnen Anerkennung und Gerechtigkeit zuteilwerden.

Wir bitten dich für die Menschen, die vollberufstätig sind, dass auch ihre Form von Stress und Existenzangst anerkannt wird und sie Inseln der Erholung finden.

Gott, in dir ist die Fülle des Lebens. Hilf, dass alle Menschen die Fülle ihrer Möglichkeiten entfalten können. Gib, dass wir aufeinander achten und immer lernfähiger werden in der Verantwortung füreinander.

Amen